Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

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Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

Beitragvon Batz Benzer » Dienstag 21. Oktober 2014, 22:09

Zunächst einmal: Ich hab weder mit tiefem Popeln noch Richie Blackmore sonderlich viel am Hut. Und dennoch liebe ich sein Signature-Top so sehr, dass ich es seit nunmehr 16 Jahren für einen DER neuzeitlichen Klassiker überhaupt halte (so lange ist das gute Stück „Made in Germany“ nämlich schon auf dem Markt). Warum das so ist? – Um es mit Bruce Darnell zu sagen: Hier ist der Wahrheit!

Fangen wir mal ganz nüchtern an: Von außen überzeugt der verhältnismäßig leichte(!) Amp durch eine gewisse Schlichtheit; die Stangen-Optik, die Engl-Amps in den 90ern zuteil wurde, lässt Blicke und Luft – letzteres wichtig zur Gewährleistung des dauerhaft stabilen Betriebs – auf die vorbildlich saubere Röhrenbestückung zu. Damit das Auge auch was zu beißen hat, beleuchten rote LEDS die Endstufenröhren zusätzlich; ein sehr nettes, optisches Schmankerl!

Mit nur 9 Chickenhead-Potis (sehr gute Ablesbarkeit!) und drei Druckschaltern kommt der Blackmore vorderseitig aus – wäre es ein einkanaliger Amp, hätte ich keinerlei Bedanken, aber der Blackmore präsentiert nicht weniger als 4 unterschiedliche Sounds: Wie soll DAS bitte gehen??? – Es geht, so viel sei bereits hier verraten… ;-)

Rückseitig gibt es einen per Poti zumischbaren Einschleifweg, der somit seriell wie parallel genutzt werden kann, zwei Stereo-Buchsen für die Soundmodi, die vorderseitig über zwei der drei Taster angewählt werden können sowie einen Anschluss für die spezielle, nicht gerade preiswerte Engl-Fußleiste, die leider nicht im Liederumfang enthalten ist. Alle Eventualitäten abdeckende Boxen-Ausgänge (4, 8 und 16 Ohm) runden das Bild ab.

Vorne gibt es einen Gain-Regler für Clean plus Bright-Switch, der ausschließlich diesem Kanal zugeordnet ist; „Lead“ regelt den Verzerrungsgrad für den Dampf-Channel. Die klassische Klangregelung umfasst Bässe, Mitten wie Höhen und wird um einen Contour-Taster ergänzt, der Frequenzen im unteren Mittenbereich boostet. Es folgen ein Presence-Regler allein für den Lead-Kanal sowie dessen Laustärke-Poti.

Bislang klingt es so, als handelt es sich um einen 2kanaligen Amp, was rein technisch sogar der Fall ist; der Taster Clean/Lead schaltet zwischen diesen beiden Sounds. Die Flexibilität der vier abrufbaren Sounds kommt zustande durch den Taster daneben, der jeden dieser beiden Kanäle mit einem zweiten, werksseitig festgelegten Gain-Boost abrufbar macht und daher auf den schönen Namen Gain Lo/Hi hört. Die beiden Master-Volumes regeln die Ausgangslautstärke für diese beiden Soundmodi getrennt.

Jetzt aber ran an den Speck: Den dunkelgelben Power-Schalter umgewippt und obligatorische 2 Minuten gewartet, so dass sich das Röhren langsam aufwärmen können, dann Standby gedrückt.

Clean präsentiert sich der Blackmore im positiven Sinne britisch: Ein gut ortbarer, gefälliger Ton, der – wiederum rein positiv – recht analytisch kommt, ohne dabei unmusikalisch oder gar harsch zu sein. Mit ein wenig Hall durch z.B. einen Multieffektprozessor klingt es, gerade für ein Topteil, großartig, die Tonartikulation ist immer warm und dennoch fest genug, ohne dabei höhenreich zu matschen wie man es z.B. von Marshalls JCM900 bis DSLs kennt.

Schaltet man von Lo nach Hi Gain, so sind dem Amp je nach Stand des Clean-Potis erste Zerrfarben zu entlocken, der Ton ist herrlich angecruncht. In der Praxis erweist sich somit die voreingestellte Gain-Anhebung als a) sehr praxisgerecht und b) durch Stellung des Clean-Potis durchaus beeinflussbar, da der Blackmore im Clean-Lo-Mode auch bis zum Ende clean bleibt.

Dasselbe gilt im übertragenen Sinne für den Lead-Kanal: Mit dem Lead-Poti wird der Rhythm-Zerr-Sound voreingestellt, mit Betätigung des Hi Gain-Tasters sind wir in Solo-Soundgefilden.

Der Klangcharakter dieses Doppelkanals hat es in sich: Marshall ist auch hier die Basis, allerdings in einer extrem aggressiven Weise, die wirklich hard und heavy aus den Speakern drückt, dabei niemals matscht und selbst bei vollen Gain maximale Artikulation zulässt! Wobei die Tonkultur immens hoch ist, auch harmonisch komplizierte Akkorde werden klar und sauber abgebildet; beileibe keine Selbstverständlichkeit bei flexiblen Topteilen heutzutage!

Dieser Amp ist nix für den traditionellen Blueser oder „Vintage only“-Retro-Rocker, wir steigen auf „Flammenwerfer mit Niveau“-Level ein und kommen locker bis NuMetal! Stets aggressiv und drückend aber eben sehr gut kontrollierbar, sehr dynamisch, mit Breitwandsound gesegnet und dennoch durchsetzungsfähig, verträgt er sich mit Strat wie Paula gleichermaßen gut. Die Verzerrung ist im Lead-Kanal eher „fein-“ denn „grobkörnig“ und unterscheidet sich somit vom Raubein Marshall dann doch; wo dieser in der feinen Artikulation die Flügel strecken müsste, breitet der Engl seine Schwingen erst aus!

Somit ist dem Blackmore in der Tat ein sehr eigenständiger Klang zueigen, der ihm einen gewaltig hohen Wiedererkennungswert beschwert, ohne dass er „speziell“ zu nennen wäre; dies kann je nach angeschlossener Box natürlich noch spezieller geformt werden. An einer Greenback-Box z.B. entwickelt es durchaus Old-School-Marshall-Power, an jeglichem Engl-Cabinet klingt es wesentlich brutaler.

Aufgrund dieser Eigenständigkeit wage ich folgende Prognose: Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht! Um ein persönliches Anchecken dieses „modernen Klassikers“ aus dem Hause Engl kommt der interessierte Gitarrist jedenfalls nicht herum.

Was noch positiv auffällt: Wie bei allen Engl-Amps findet die Soundprägung vornehmlich in der Vorstufe und somit bereits bei Zimmerlautstärke statt; man kann den Blackmore also auch gut leise betreiben und hat auch hier bereits den Tradmark-Sound! – Der Nachteil der Flexibilität: Engl-Amps sind relativ anfällig für Nebengeräusche und fangen Störquellen etwas schneller ein als andere Verstärker!

Darüber hinaus fielen mir, zumal ich den Boliden bereits seit über 10 Jahren kenne, keinerlei Nachteile ein: Soundesigner Horst Langer hat mit diesem Top-Teil einen vortrefflichen Job geleistet!

Und wem der Blackmore zu „modern“ rüberkommt, der sollte sich mal auf dem 2nd-Hand-Markt nach dem Savage 60 Top umsehen, welches eindeutig traditioneller, nicht aber weniger flexibel daherkommt; schade, dass Engl ihn aus dem Programm genommen hat
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Re: Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

Beitragvon telly45 » Mittwoch 22. Oktober 2014, 06:46

Danke für die aufschlussreichen Worte, Batz. Meine wichtigste Frage, nämlich wie klingt er leise, wurde zum Schluss auch noch beantwortet. Ich bin ja bei 100 W Topteilen immer skeptisch, weil das auf den Bühnen, wo man als Hobbymusiker für gewöhnlich so spielt, normalerweise ausreicht, um das Lokal in Sekundenschnelle zu leeren :roll:
Gruß Rainer
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Re: Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

Beitragvon Bencaster » Mittwoch 22. Oktober 2014, 08:23

Tja, schade das dieser Amp beim Meister selbst nur noch selten zum Einsatz kommt....
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Re: Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

Beitragvon Guitarthunder » Donnerstag 23. Oktober 2014, 14:09

Hi
Der rennt doch nur noch mit Strumpfhosen und Laute durch die Gegend. Eigentlich schade

Gruß Michael
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Re: Engl Richie Blackmore Signature Top 100W

Beitragvon bluesation » Donnerstag 23. Oktober 2014, 14:24

Guitarthunder hat geschrieben:Hi
Der rennt doch nur noch mit Strumpfhosen und Laute durch die Gegend.


Der spielt auch noch E-Gitarre. Ob aber nur noch in Strumpfhosen, das weiß ich nicht. :undwech:
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