Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Besprechungen von getestetem Gitarren-Equipment

Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon partscaster » Mittwoch 6. Dezember 2017, 13:26

Eigentlich mochte ich den Sound der für die Gitarre angebotenen Geräte von Roland/Boss noch nie. COSM bedeutet in meiner Welt gar "einen großen Bogen um etwas machen". ;) Da die Katana-Amps aber ein interessantes Konzept verfolgen und auch ganz cool aussehen habe ich mir dann einfach mal einen Combo in der 100 Watt Version kommen lassen um ihn in Ruhe testen zu können. Von COSM steht auch nirgends mehr etwas!

Erstaunlich leicht und kompakt ist der sehr sauber verarbeitete und wertig wirkende Verstärker. Und riechen tut er auch nicht. Ich hatte kurz vorher einen Combo eines Mitbewerbers hier, der gleichzeitig auch chemische Waffe hätte eingesetzt werden können. Das habe ich nach zwei Tagen nicht mehr ausgehalten. Soweit so schön.
Da die Oberfläche und die Anschlüsse selbsterklärend sind, habe ich die Tüte mit der Anleitung erst gar nicht geöffnet.

Nach dem Einschalten und dem einstöpseln der Gitarre habe ich die Einstellung CLEAN gewählt, alle Regler auf 12 Uhr gedreht, die Effekte deaktiviert und mal gespannt gelauscht, wie Boss denn heutzutage so klingt. Okay: die 100 Watt sind laut, sehr laut. Also flux mal am Leistungswahlschalter ganz rechts auf 50 Watt gestellt. Immer noch laut... also noch eine Stufe runter auf 0,5 Watt. Sehr schön. Flüsterleise ohne Klangeinbußen. Ist ja auch kein Röhrenverstärker. Ein schönes Feature, weil man ohne spitze Finger von Gig-Lautstärke auf Mietwohungskompatibilität herunterstellen kann. Es geht auch wirklich sehr leise und trotzdem noch gut.

Wie klingt er denn nun? Kurz gesagt: richtig gut! Empfand ich die COSM-Geräte immer als recht undynamische Gleichmacher mit hohem Plastikanteil im Ton, sieht das hier ganz anders aus. Die Einstellung CLEAN geht für mein Empfinden in die grobe Richtung Blackface. Mit viel Gain stellt sich ein etwas Tweed-mäßiges, rauhes ein. Im unteren Bereich ist es mir persönlich etwas zu clean. Wer Pedale einsetzen möchte, dürfte hier aber seine Freude haben. Auch weil der Amp tatsächlich echten Headroom bietet und nicht direkt einknickt, wenn man hier mit Dampf aus einem Bosster, Overdrive etc. kommt.

Ich wechsle auf CRUNCH und nehme den Gain-Regler und die Lautstärke an der Gitarre zurück. Clean mit ein wenig Haaren. Super. Genau mein Ding. Eventuell etwas schlank untenrum. Nun also am EQ geschraubt. Okay, da könnte für Singlecoils tatsächlich etwas mehr Fülle untenrum sein. Ist eben ein kleiner 1x12er Combo.

Die restlichen Einstellung bräuchte ich persönlich gar nicht mehr. LEAD und BROWN bieten wie erwartet mehr Gain und eine etwas aggressivere Abstimmung. Metal allerdings eher nicht. Alles eher klassisch. Nicht schlecht. Die Einstellung ACOUSTIC soll für akustische Gitarren sein. Habe ich nicht getestet.

Was auf jeden Fall festzuhalten ist: Die Gitarre, verschiedene Pickups und Kombinationen werden gut wiedergegeben, der Amp lässt sich dynamisch spielen und reagiert gut auf die Regler am Instrument. Es klingt nach weit mehr als 299 Euro und fühlt sich auch so an.

Zwischendrin habe ich immer mal wieder den voreingestellten Reverb hinzugenommen. Der klingt auch weit mehr als brauchbar.

Die Voreinstellungen der anderen Effekte gefielen mir nicht so, das ist ja mit nur einem Regler schwierig zu managen. Da kommt man dann auch zu einem Nachteil: Um wirklich alles auszuschöpfen, ist man gezwungen, den Software-Editor einzusetzen, den es leider auch nur für PC und Mac gibt. Eine App wäre da unterwegs in jedem Fall hilfreicher. Ich möchte kein Laptop mit mir herumschleppen. Allerdings finde ich es grundsätzlich nicht so doll auf einen Editor angewiesen zu sein.

Ich bin jetzt nicht so der große Effektnutzer. Mal ein Tremolo, ein wenig Slap Back Delay oder ein Leslie Sound. Mehr mag ich gar nicht so wirklich. Nur Reverb geht immer. Daher habe ich auch nur das probiert, was ich nutzen würde. Tremolo - für mich genau so wie es sein soll. Rotary/Leslie - kann ich mit arbeiten. Delays - dürfte für jeden etwas dabei sein, grundsolide. Reverbs - ich bin letztlich beim Plate geblieben. Die Spring-Variante übertreibt es leider mit der Simulation von Scheppergeräuschen und klingt daher nicht mehr natürlich. Was ganz klasse ist sind die Tools wie z.B. die Simulationen verschiedener Gitarrentypen, die erstaunlich gute Ergebnisse brachten. Auch der Pickup-Konverter Humbucker zu Singlecoil und umgekehrt ist ganz witzig. Sehr nützlich ist der globale EQ, den man in der neuesten Software Version erhält. Damit kann man dem Combo unter anderem das oben erwähnte bisschen mehr untenrum verpassen. Die Booster und Overdrives etc. sind teilweise nicht schlecht. Hier ziehe ich allerdings nach wie vor die echten Kisten vor. Ich muss aber zugeben, dass ich generell lieber auf die Verzerrung der Amps zurückgreife. Daher habe ich da auch nicht wirklich lange geschraubt. Der Blues Driver und der TS kamen mir schon ziemlich nahe am Original vor.

Der Editor ist übrigens ziemlich gut gemacht. Hat man die Grundzüge erstmal verstanden, kann man damit sehr flink und stressfrei arbeiten.

Anmerkung: Bei meinem Exemplar war im ersten Preset, welches ich als Grundlage nutzte, ab Werk die Effektreihenfolge so eingestellt, dass der Booster/Zerrer hinter dem Amp lag. Das klang dementprechend grauenvoll und merkwürdig.

Mein Fazit:

Ich bin überrascht, wie gut diese doch sehr günstige Kiste klingt. 299 Euro für einen 100 Watt Combo, der definitiv auch in einer lauteren Band mithält ohne nach "Kurz vor Exitus" zu klingen, der aber auch in der Mietkaserne problemlos nutzbar ist, ist wirklich richtig wenig. Ich persönlich finde, dass der Katana dem Mustang III V2 an vielen Punkten noch einen draufsetzt. Nein, er ist kein Röhrenverstärker. Einem guten 5e3, Princeton, Deluxe, Plexi... kann er nicht das Wasser reichen. Aber das wird wohl auch niemand ernsthaft erwarten.
Ich würde mit der Kiste und dem, leider mit 99 Euro im Verhältnis nicht ganz billigen, Fußschalter auf jeden Fall problemlos ohne zusätzliches Equipment auskommen und hätte nicht das Gefühl, dass ich nun sehr eingeschränkt wäre.

Meiner ist trotzdem erstmal zurückgegangen, weil ich aufgrund eines Todesfalls in der Familie andere Dinge zu erledigen und im Kopf hatte und mir noch nicht ganz sicher war, ob nun der Zwang zum Software Editor mich zu sehr stört oder nicht. Alleine für Zuhause ist der Amp an und für sich schon ne Bank. :kopf_kratz01:

Für "draussen" wollte ich mir eigentlich endlich mal den Traum vom antiken Einkanaler erfüllen. Und ich wollte auch eher in die Richtung des viel weniger ist mehr.

Ich empfehle auf jeden Fall mal ein Ohr abseits von YouTube zu riskieren. Hätte ich nur danach geurteilt, hätte ich ihn nicht mehr probiert.

Grüße
Michael
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon Batz Benzer » Mittwoch 6. Dezember 2017, 13:34

Danke für den hochinteressanten Testbericht, Michael; habe ich gerne gelesen. :thumbsup03:
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon Ingolf » Mittwoch 6. Dezember 2017, 16:26

Danke auch von mir. Schöner Test!
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon tommy » Mittwoch 6. Dezember 2017, 18:23

Schöner sachdienlicher Bericht, danke!

Als absoluter 1 Kanaler Fan warte ich immer noch auf ein Entwicklerteam, dass in der Low Budget Transistor Klasse bis € 300.- Effekte und Modeling weglässt und alles Know How und Geld in einen 1 Kanal Combo steckt. Fender Mustang oder Boss Katana Pure Vintage oder so, für alte puristische Säcke wie mich. :mrgreen:
Irgendwie stört es mich persönlich, dass immer alles in die Geräte mit reingepackt wird, nur weil es halt geht und der Großteil der Clientel das so möchte.

PCL bedient meinen Wunsch ja nahezu, nur leider in einer deutlich höheren Preisklasse. Den Stagemaster 59 finde ich hammermäßig!

Früher war es m.E. Gang und Gäbe, preiswerte Amps ohne Schnickschnack herzustellen, nur leider war die Technik nicht weit genug, dass sie auch richtig gut klangen....wobei....ich hatte mal einen Fender Sidekick Reverb 30, der klang sehr ordentlich.
Aber mit den heutigen Möglichkeiten müsste man doch fast davon ausgehen, dass ein 300.- Transistor Combo, reduziert auf das Nötigste, traumhaft klingen dürfte.
LG Tommy


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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon Ingolf » Mittwoch 6. Dezember 2017, 19:23

tommy hat geschrieben:Schöner sachdienlicher Bericht, danke!

Als absoluter 1 Kanaler Fan warte ich immer noch auf ein Entwicklerteam, dass in der Low Budget Transistor Klasse bis € 300.- Effekte und Modeling weglässt und alles Know How und Geld in einen 1 Kanal Combo steckt. Fender Mustang oder Boss Katana Pure Vintage oder so, für alte puristische Säcke wie mich. :mrgreen:
Irgendwie stört es mich persönlich, dass immer alles in die Geräte mit reingepackt wird, nur weil es halt geht und der Großteil der Clientel das so möchte.

PCL bedient meinen Wunsch ja nahezu, nur leider in einer deutlich höheren Preisklasse. Den Stagemaster 59 finde ich hammermäßig!

Früher war es m.E. Gang und Gäbe, preiswerte Amps ohne Schnickschnack herzustellen, nur leider war die Technik nicht weit genug, dass sie auch richtig gut klangen....wobei....ich hatte mal einen Fender Sidekick Reverb 30, der klang sehr ordentlich.
Aber mit den heutigen Möglichkeiten müsste man doch fast davon ausgehen, dass ein 300.- Transistor Combo, reduziert auf das Nötigste, traumhaft klingen dürfte.

Na ja: Die Technologie, die benötigt wird, um die typischen 'Brot und Butter'- Effekte zu generieren, kostet heutzutage nur ein paar Euro. Und ein um Effekte abgespeckter Amp wäre nur unwesentlich günstiger zu haben.
Insofern bemühen sich halt die meisten Firmen, das Gängige in einen Amp reinzupacken, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen.
Und nach wie vor gilt ja: Du kannst benutzen, was vorhanden ist, musst es aber nicht.
Die Kunst des Weglassens ist eine Disziplin der User, nicht der Firmen. 8-)
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon tommy » Mittwoch 6. Dezember 2017, 19:49

Ingolf hat geschrieben:Na ja: Die Technologie, die benötigt wird, um die typischen 'Brot und Butter'- Effekte zu generieren, kostet heutzutage nur ein paar Euro. Und ein um Effekte abgespeckter Amp wäre nur unwesentlich günstiger zu haben.
Insofern bemühen sich halt die meisten Firmen, das Gängige in einen Amp reinzupacken, um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen.
Und nach wie vor gilt ja: Du kannst benutzen, was vorhanden ist, musst es aber nicht.
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Jepp, ich denke, Du hast Recht!

Mit dem Katana könnte ich mich auch so anfreunden. Er ist ja schön übersichtlich aufgebaut. Da spielt es mir sogar in die Karten, dass seine Funktionen am Gerät selbst begrenzt und nur mit Zusatzsoftware zugänglich sind. Ohne Letztgenannte fast schon puristisch! ;)

Ich werde den jedenfalls mal antesten.
LG Tommy


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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon partscaster » Mittwoch 6. Dezember 2017, 20:46

Ingolf hat geschrieben:Die Kunst des Weglassens ist eine Disziplin der User, nicht der Firmen. 8-)


Leider wahr. :oops:

Ich probiere ja in letzter Zeit viel, weil ich eben einen neuen Amp brauche. Ehrlich gesagt sind Röhrenverstärker in der Klasse Blues Junior, AC15 etc. nicht wirklich verlockender. Zumal die natürlich immer einen bestimmten Pegel möchten.

Grüße
Michael
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon Wizard » Mittwoch 6. Dezember 2017, 20:47

Cooler Bericht, cooler Amp irgendwie. Zumindest sehr erschwinglich so'n 50er, den ich dann nehmen würde. Würde.
Tja, heute nochmal Jugendlicher sein und für wenig Geld viel Gutes zu bekommen, was für goldene E-Gitarristen Zeiten - eigentlich. :bb:
Gruß Peter

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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon partscaster » Mittwoch 6. Dezember 2017, 20:58

Wizard hat geschrieben:Cooler Bericht, cooler Amp irgendwie. Zumindest sehr erschwinglich so'n 50er, den ich dann nehmen würde.


Ich haben den 50er noch nicht testen können, da er aber ein anderes (kleineres) Gehäuse und einen anderen Lautsprecher hat, könnte ich mir vorstellen, dass der doch etwas zu "boxy" daher kommt. Würde ich auf jeden Fall vergleichen.

Grüße
Michael
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Re: Mein kleiner Bericht zum Boss Katana 100 Combo

Beitragvon Electric Mud » Mittwoch 6. Dezember 2017, 22:34

tommy hat geschrieben:Als absoluter 1 Kanaler Fan warte ich immer noch auf ein Entwicklerteam, dass in der Low Budget Transistor Klasse bis € 300.- Effekte und Modeling weglässt und alles Know How und Geld in einen 1 Kanal Combo steckt. Fender Mustang oder Boss Katana Pure Vintage oder so, für alte puristische Säcke wie mich. :mrgreen:
Irgendwie stört es mich persönlich, dass immer alles in die Geräte mit reingepackt wird, nur weil es halt geht und der Großteil der Clientel das so möchte.

Ahoi Tommy,

sind die Blues Cubes von Roland nicht genau das, was du beschreibst? Ok, sie kosten ein bisschen mehr...
> https://www.roland.com/de/products/blues_cube_stage/

Viele Grüße
EM
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