Music collaboration

Produktion, Homerecording & PA

Music collaboration

Beitragvon bluesation » Freitag 15. Dezember 2017, 15:23

Seit ca. 2 Jahren beschäftige ich mich mit Music Collaboration. Viele von Euch kennen das wahrscheinlich nur dem Namen nach. Daher möchte ich euch von meinen total subjektiven Erfahrungen berichten.

Wo findet es statt?

Für die musikalische Zusammenarbeit gibt es einige Plattformen im Netz. Man meldet sich an und kann mitmachen. Englisch sollte man verstehen und schreiben können. Oft bieten die Plattformen verschiedene Mitglieder Status an. Je nach monatlichem Einsatz stehen dir nur eingeschränkte oder alle Features der Plattform zur Verfügung. Das fängt an bei den Dateiformaten und geht bis zu der Anzahl von Dateien, die du hochladen kannst. Weitere Einschränkungen sind das Einstellen eigener Projekte oder die Übernahme bestimmter Rollen wie Administrator eines Projekts zu werden.

Einige allgemeine Musiker Plattformen und Foren bieten ebenfalls Music Collaborations an. So gibt es beispielsweise im REAPER Forum ein Unterforum dafür. Nachteil, man muss den Austausch der Dateien irgendwie selbst organisieren. Die spezialisierten Plattformen sorgen zum einen für die Community, bieten aber auch die technische Infrastruktur zum Dateiaustausch, Diskussion und Bewertung und gegebenenfalls den Vertrieb der entstandenen Werke.

Wer macht mit?

Alle. Das ist für mich ein fetter Pluspunkte bei dieser Art zu arbeiten. Man weiß es nie so genau, aber nach meiner Einschätzung sind es Menschen, die mindestens ca. 10 Jahre Erfahrung im Musikmachen haben. Bei den meisten dürfte es jedoch deutlich länger sein. Außer den Karteileichen alles Enthusiasten, so wie hier. Wie überall gibt es bessere und schlechtere Musiker. Totalausfälle sind mir nicht begegnet.
Außer Instrumentalisten und Vokalisten findet man aber auch Texter dort. Eine weitere Gruppe sind die Mischer. Viele davon sind auch Musiker, manche machen aber auch nichts anderes als mischen oder mastern.

Das wirklich Spannende ist, die Mitglieder kommen aus der ganzen Welt, mit den dadurch verbundenen, verschiedenen musikalischen Sozialstationen, Prägungen und Erfahrungen. Ferner sind alle möglichen musikalischen Schwerpunkte vertreten. Von den Urformen wie Jazz, Blues, Rock über Singer/Songwriter bis hin zu elektronischer und Weltmusik ist alles vertreten. Und das mischt sich im Idealfall miteinander.

Ich habe jetzt keine Zählung durchgeführt, aber meiner Einschätzung nach sind es ca. 90 % Männer und 10 % Frauen. Dabei sind die Frauen hauptsächlich als Vokalistinnen aktiv. Einige davon texten auch oder spielen ein frauentypisches Instrument wie Klavier, Querflöte oder Oboe. Eine Saxofonistin und eine Gitarrera sind mir begegnet.

Geografisch liegen die Schwerpunkte klar in Nordamerika und Europa. Ich bin aber auch auf Musiker aus Südamerika, Israel und Dubai getroffen.

Wie ist der Beginn eines Projekts?

Das Prozedere ist so einfach wie flexibel. Wer möchte, kann ein Projekt starten. Das Ergebnis des Projektes ist dann, wenn es gut läuft, ein fertiger Song. Der, der das Projekt beginnt, ist der Creator und hat die Kontrolle über das Projekt. Je nach Lizenzmodell, das er auswählt, liegen alle Rechte bei ihm oder auch bei den Mitmusikern. Wenn man mitmacht, akzeptiert man die Lizenzvereinbarungen.
Grundsätzlich hat der Projektstarter die Möglichkeiten Beiträge Anderer zu löschen oder zu präferieren. Das Löschen hab ich bisher jedoch nicht mitbekommen.

Manche Creator geben nur eine Akkordfolge vor oder gar nur einen Text. Meist ist es aber eine Klavier-, Gitarren- oder Keyboardspur. Einige sind Multiinstrumentalisten, da gibt es oft schon mehrere Instrument Spuren und weiter ausgearbeitete Arrangements. Zum Teil sind die Instrumente schon gebrauchsfertig eingespielt oder mittels virtueller Instrumente grob skizziert. So bekommt man eine Idee, was sich der Creator vorstellt. Darüber hinaus kann der Creator noch Wünsche angeben, welche Instrumente und Stimmen er gerne im Projekt hätte. Möchte der Creator eine weibliche Stimme haben, kann man aber auch als Sänger seinen Beitrag dazu leisten.

Was passiert, wenn das Projekt gestartet ist?

Ist das Projekt eingestellt, kann jeder mitmachen. Man sieht sich an, welche Instrumente oder Gesangsspuren bereits zum Projekt hochgeladen wurden. Neben den einzelnen Spuren gibt es meist schon so genannte Scratch Demos. Da wurden vom Creator oder einem anderen Teilnehmer die vorhandenen Spuren in eine gemischt. So bekommt man einen Überblick über Art und Stil des Songs.

Was man benötigt, Instrumentenspuren oder Scratch Demo, lädt man sich runter. Den Download holt man in seine DAW Software und beginnt mit dem Recording der eigenen Ideen. Ist man damit fertig, lädt man seine Spuren ins Projekt hoch. Wer möchte erstellt dann noch ein neues Scratch Demo, wo natürlich der eigene Beitrag enthalten ist.

Über die Zeit wird der Song immer kompletter, wenn man Glück hat. Es gibt auch unvollendete Projekte, weil sich z.B. niemand fand, der was einsingen wollte.

Wann endet das Projekt?

Einfache Antwort, wenn der Creator es beendet. Die meisten Projekte werden nicht beendet. Man kann sich auch nach 2 Jahren noch beteiligen. Ist das Ergebnis besonders gut gelungen, wird das Projekt meist beendet. Dabei entscheidet der Creator, welche Spuren und welchen Mix er für die Endfassung verwenden will. Ist der Plattform ein Online Shop angeschlossen, kann man den Song dort direkt zum Download-Kauf anbieten.

Wie beteilige ich mich?

Ich bin meist als Mischer unterwegs. Darin habe ich in den letzten Jahren, vor allem im letzten Jahr viel Zeit und Energie gesteckt. Wie bei einem Instrument will das gelernt sein und erfordert viel Übung.

Aus dem Angebot von Songs suche ich mir das aus, was mir gefällt, egal ob es schon einen guten Mix gibt. Dabei gehe ich durch fast alle Stilrichtungen, aber hauptsächlich welche, wo ich auch über ein gerüttelt Maß an Hörerfahrung verfüge. Sachen wie Metal, House, Techno usw. fallen da raus.

Zuweilen kommt es vor, dass es bei Songs Instrumente oder Spuren gibt, die mir überhaupt nicht gefallen. Die ersetze ich schon mal durch eigene Aufnahmen. Meist sind das Drums, da die häufig schlecht aufgenommen sind. Gitarre habe ich recht wenig beigesteuert, es gibt einfach zu viele gute Gitarristen da draußen.

Bin ich mit meiner Arbeit zufrieden, lade ich meinen Mix hoch. Auch beim Mischen stellt sich ein Effekt ein, den die meisten wohl kennen. Hört man sich das Werk mit zeitlichem Abstand an, fallen einem 100 Sachen auf, die man besser machen sollte. So kommt es vor, dass ich ein Projekt pausiere, um später mit frischen Ohren wieder dran zu gehen.


Warum mache ich da mit?

Der wichtigste Grund ist das Lernen. Wie oben schon gesagt, auch beim Mischen ist Übung die halbe Miete. Dazu braucht es Aufnahmen. Im Netz gibt es zwar einige Übungssongs für Mischer. Aber man möchte nicht immer dieselben 3 Songs mischen. Stelle ich meinen Mix ein, kriege ich eine Rückmeldung von den beteiligten Musikern, was mir wichtig ist.

Zweiter Grund ist die Vielfalt. Alle Musikstile, die mich reizen, sind vertreten. Das schafft Abwechselung und öffnet den Horizont.

Dritter Grund - es bestehen gute Chancen, dass am Ende ein guter Song entstanden ist und das bei den Hemmnissen, die diese Produktionsweise nun mal mit sich bringt. Menschen aus der halben Welt, unterschiedlichen Sprachen und Fähigkeiten schaffen es, sich in einem hohen Maß zu organisieren und ein gemeinsames Werk zu erschaffen. Das finde ich toll.

So, das war jetzt ein bisschen lang für einen Forumsbeitrag der kein Gear Review ist. Wer bis hier hin gelesen hat, dem verleihe ich virtuell die Hartnäckigkeitsmedaille am Bande. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Ich habe gerade einige Beispiele hochgeladen. Wer auch was hören will, der klickt hier.
Zuletzt geändert von bluesation am Dienstag 19. Dezember 2017, 08:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Music collaboration

Beitragvon Diet » Freitag 15. Dezember 2017, 19:00

Moin,

die Hartnäckigkeitsmedaille hab ich mir verdient! ;)

Sehr interessant. Ich hatte auch schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt,
bei so was mitzumachen. Hatte mich sogar auch schon mal bei einer Plattform angemeldet,
es aber dann wieder verworfen.

Das liegt in erster Linie an meiner Ungeduld. Deshalb bin ich auch meist
eher allein am Aufnehmen und Mischen, sogar auch was die Bandsachen betrifft.
Wenn ich an einem Projekt dran bin, dann bin ich voll und ganz dabei in einem Rutsch bis zum Abschluss.
Projekte liegen nicht lange bei mir und Abschluss ist dann auch immer wirklich der Abschluss, dann ist das Stück fertig und aus.
Ich hasse es, auf Aufnahmen, Änderungen, Neueinspielungen etc. warten zu müssen. Dann ist der Fluss weg
und die Luft geht leicht raus.
Das ist ganz subjektiv gemeint, es geht nur mir dann immer so.

Ich bin in Sachen Recording leider eigentlich so ziemlich genau das Gegenteil eines Teamplayers :?
Beim Mischen zu zweit bin ich so was wie der typische unerträgliche Beifahrer im Auto, der einem sagt,
dass die Ampel rot ist und dass da der Radfahrer kommt, den man schon lange gesehen hat.

Aber ich bin trotzdem sehr zufrieden damit, allein zu werkeln, denn das hat auch seine Vorteile.
Und auf Interaktion muss ich nicht verzichten, denn das Aufnehmen ist ja nur eine Seite
der Hobbymusikmedaille. Die andere Seite ist das Spielen in der Band.
Bei manchen meiner Aufnahmen hätte eine Interaktion vielleicht wohl noch einen Kick gebracht.
Aber ich bin eben so am Ende zufriedener.

Wo ich auch nicht ganz mitkomme ist, dass Du Dich über Aufnahmen mit Effekten ärgerst.
Das ist ganz klar reine Mischer-Sicht. Da will der Mischer dann auch Produzent sein und aus "reinen"
Spuren sein Endprodukt erstellen.
Effekte einzelner Instrumente können aber von vorn herein maßgeblich für die Atmosphäre eines Stückes sein.
Oder sogar Inspiration für ein ganzes Stück. Würde dann ohne Effekte eingespielt und jemand anderes mischt,
dann geht die Richtung verloren und es wird etwas völlig anderes draus.

Das kann natürlich auch positiv sein, klar.
Aber da steckt ein weiteres ganz subjektives Problem von mir drin, dass mich von solchen gemeinsamen Projekten abhält.
Wenn ich ein Stück anfange, dann hab ich bestimmte Vorstellungen und ich muss die Kontrolle haben, wo die Reise hingeht.
Sonst ist es nicht mehr meins.
Wenn ich Aufnehme, dann ist Einspielen und Mischen eine synchrone Angelegenheit. Das eine beeinflusst ständig das andere.
Daraus entsteht dann letztendlich das Stück.

Das sind Erfahrungen, die ich für mich ganz persönlich gemacht hab. Ich war nie zufrieden mit Gemeinschaftsprojekten.
Jetzt bin ich dagegen sehr zufrieden mit meinen ganz eigenen Sachen. Damit geht es mir besser.

Das betrifft allerdings nur eigene Stücke. Bei Coversachen sehe ich das alles lockerer.

Wie gesagt, das ist ganz subjektiv, ich bin eben leider ein schlechter Beifahrer :D ;)
Grundsätzlich ist die ganze Idee, übers Netz Leute zum Musik machen zusammenzubringen natürlich total genial!


Gruß Diet
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Re: Music collaboration

Beitragvon bluesation » Sonntag 17. Dezember 2017, 18:09

Danke Diet, für deine ausführlich Antwort.

Diet hat geschrieben:Wo ich auch nicht ganz mitkomme ist, dass Du Dich über Aufnahmen mit Effekten ärgerst.
Das ist ganz klar reine Mischer-Sicht. Da will der Mischer dann auch Produzent sein und aus "reinen"
Spuren sein Endprodukt erstellen.
Effekte einzelner Instrumente können aber von vorn herein maßgeblich für die Atmosphäre eines Stückes sein.
Oder sogar Inspiration für ein ganzes Stück. Würde dann ohne Effekte eingespielt und jemand anderes mischt,
dann geht die Richtung verloren und es wird etwas völlig anderes draus.


Ich ärgere mich ja nicht prinzipiell über Effekte, die bereits durch die Aufnahme kommen. Sie können den Charakter eines Stückes ja auch ausmachen. Dumm ist es nur dann, wenn Sie nicht zu bereits anderen Instrumenten und den dadurch (vor)gegebenen Charakter passen, sie technisch nicht passen (zb. Delayzeit vs. Songtempo) oder schlicht einfach zu dominant sind. Idealfall wäre eine Spur mit und eine ohne Effekte. Aber die Arbeit macht sich kaum einer, kommt aber vor.
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Re: Music collaboration

Beitragvon FretNoize » Montag 18. Dezember 2017, 09:59

Vielen Dank für den ausführlichen Post - ich hatte es schon früher gelesen, aber dann kam was dazwischen (ich gestehe, ich habs auf der Arbeit gelesen...), bevor ich antworten konnte. Ich hab nicht gewußt, daß es eine so "institutionalisierte" Art des Zusammenarbeitens gibt.

Welche der Platformen nutzt Du denn?
Aloha,
Holger

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Re: Music collaboration

Beitragvon bluesation » Dienstag 19. Dezember 2017, 09:01

Hallo Holger,

FretNoize hat geschrieben:Welche der Platformen nutzt Du denn?


Hab mir einige angesehen procollabs.com, myonlineband.com, skytracks.io, blend.io
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